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Die Casa Egner: Artikel

 

An den Südhängen des Tessiner Sees scheinen auf den ersten Blick nur noch Gutbetuchte in protzigen Villen zu leben. Es gibt allerdings Ausnahmen.

Die Oase des roten Gärtners

Von Daniel Stern

Von Minusio bis nach Ronco hinter Ascona wird immer weiter den Hang hinauf gebaut, die einstigen Dörfer am See und in der Höhe sind zu einer acht Kilometer langen Stadt zusammengewachsen. Die letzten grünen Flecken dazwischen drohen zu verschwinden. Es scheint, dass alle mit ihrem Haus einen möglichst ungetrübten Blick auf den See und die Tessiner Alpen wollen. Und von der vielen Sonne profitieren, die die Hänge ganztags bescheint und die Nordufer des Lago Maggiore zur mildesten Region der Schweiz macht.

Linke Migration ins Tessin

Der Erste war Michail Bakunin. Der russische Anarchist liess sich 1873 von seinem italienischen Freund Carlo Cafiero ein Grundstück in Minusio kaufen. Bakunin taufte die dort neu errichtete Villa Baronata und machte sie zum Treffpunkt für «zahlreiche Revolutionäre, Anarchisten und Abenteurer», wie der Tessiner Verkehrverein auf seiner Website schreibt. Allerdings blieb der libertäre Gegenspieler von Karl Marx nicht lange am beschaulichen Ort. Er verkrachte sich mit Cafiero und zog nach Bologna, wo gerade ein Aufstand tobte. Zwei Jahre später starb er in Bern.

24 Jahre nach Bakunins Tod wurde das Südufer des Lago Maggiore erneut zum Magneten für UtopistInnen. Auf dem Monte Verità, dem Hügel oberhalb Asconas, trafen sich Dadaistinnen und Ausdruckstänzer, Anthroposophinnen und Sozialisten, Psychoanalytikerinnen und Schriftsteller. Einige taten sich in «Liebeskommunen» zusammen, andere gründeten ein vegetarisches Sanatorium.

Heute steht zuoberst auf dem Monte Verità ein schickes Kongresshotel, umgeben von einem öffentlichen Park. Von der «verändernden Kraft» von vor hundert Jahren ist nichts mehr zu spüren. Auch nicht bei der Villa Baronata: Das Haus stand in den achtziger und neunziger Jahren meist leer. HausbesetzerInnen wurden von der Polizei immer wieder vertrieben.

Viele der Villen sind allerdings nur wenige Wochen im Jahr bewohnt. Minusio etwa hat einen Zweitwohnungsanteil von 35 Prozent. Die Tessiner Regierung hat in den neunziger Jahren das Ihre dazugetan, dass diese Zersiedelung ungestört weitergehen konnte. Sie liess eine Schnellstrasse für eine halbe Milliarde Franken in den Berg tunneln und in Locarno einen Verkehrskreisel von rekordverdächtigen 138 Metern Durchmesser errichten. Der Privatverkehr hat alle Privilegien und soll bloss nicht wegen Staus zum Erliegen kommen.

Allerdings: Ein einziges Einerlei ist dieses Agglomerationsband dann auch wieder nicht. Die Dorfkerne haben zumeist ihren Charme behalten. Ausserdem bieten die Zentren von Locarno und Ascona viel Raum zum Flanieren und gemütliche Strassencafés auf schönen Piazzas. Doch auch in der Villenzone gibt es kleine Oasen: Eine solche ist die Casa Egner, die auf halbem Wege zwischen dem Bahnhof Locarno und Madonna del Sasso liegt. Zwei Wohnhäuser mit sechs unterschiedlich grossen Ferienwohnungen stehen am terrassierten Hang. Umgeben sind sie von 150 verschiedenen Bäumen, Sträuchern, Blumen und Kräutern, die hier wohlüberlegt angepflanzt und mit Metallschildern beschriftet wurden. Auf kleinen Wiesen und an Steintischen lässt es sich gemütlich in der Sonne sitzen und in die Weite blicken. Die Casa Egner ist ein Ort zum Ferienmachen, aber auch ein Treffpunkt für Linke, eine Möglichkeit für Gruppen, sich zurückzuziehen oder ein Seminar zu veranstalten.


Hauskauf nach Streik

Die Geschichte der Casa Egner geht auf einen Streik von 1947 in Zürich zurück: Die Angestellten in den Gärtnereien der Stadt fordern einen Mindestlohn von Fr. 2.50 in der Stunde. Einer der Engagiertesten unter den Streikenden ist Robert Egner, Aktivist in der Gärtnergruppe Edelweiss der Gewerkschaft VHTL und auch Mitglied der 1944 gegründeten kommunistischen Partei der Arbeit (PdA). Der Streik der Gärtner ist legal. Die Streikposten beschimpfen zwar hin und wieder ein paar Streikbrecher, doch an der Arbeit wird niemand gehindert. Die Polizei rapportiert abschliessend, die Streikenden hätten sich «anständig und diszipliniert» verhalten. Bezüglich der Gärtnermeister heisst es dagegen an anderer Stelle: «Sie legen ein etwas nervöses Benehmen an den Tag.»

Mehr als nervös kommentiert die bürgerliche Presse das Verhalten der Streikenden: Die christlich-demokratischen «Neuen Zürcher Nachrichten» schreiben vom «roten Terror», und die freisinnige «Neue Zürcher Zeitung» vermutet «dunkle politische Absichten». Die Reaktion auf den Gärtnerstreik von Zürich nimmt das vorweg, was linke AktivistInnen später im Kalten Krieg zu hören bekommen. Dennoch: Der Streik ist erfolgreich. Nicht zuletzt, weil rund 3000 Menschen (gemäss der sozialdemokratischen Zeitung «Volksrecht») an einer Solidaritätsdemonstration auf dem Helvetiaplatz teilnehmen.


Treffpunkt von AntifaschistInnen

Für Robert Egner hat der Arbeitskampf allerdings negative Langzeitfolgen. Sein Name erscheint, so vermutet er, auf einer schwarzen Liste der Gärtnermeister. Er findet keine Arbeit mehr. Zum Glück macht er Ende der vierziger Jahre eine kleine Erbschaft. Mit diesem Geld kauft er sich oberhalb von Locarno sehr günstig ein Stück Land. Damals wurden am ganzen Hang noch Weintrauben angepflanzt, der Bauboom begann erst später. Zusammen mit seiner Frau Emmi Egner, auch sie aktive Kommunistin, beginnt er die beiden Häuser am Weinberg zu renovieren. Unter denjenigen, die schliesslich gegen ein bescheidenes Entgelt in den fünfziger Jahren hier Ferien machen, befinden sich deutsche AntifaschistInnen, die während des Zweiten Weltkriegs in die Schweiz geflüchtet waren und im nahen Gordola interniert wurden. Andere, die hier die Schönheiten des Tessins geniessen, haben in Konzentrationslagern der Nazis überlebt.

Die Casa Egner wird zum Treffpunkt der kommunistischen und antifaschistischen Linken. Auch Egners GenossInnen aus Zürich finden sich hier ein. Der Architekt René Lechleiter erinnert sich, wie er als Kind hier Ferien machte. Sein Vater war, wie er selbst heute, Aktivist der PdA. Er sagt, die Geschichten, die ihm die deutschen AntifaschistInnen erzählten, hätten ihn geprägt. Die Egners sind Anfang der neunziger Jahre gestorben. Nachkommen hatten sie keine. Sie haben ihr Grundstück einem Verein vererbt, der sich seither um die Vermietungen kümmert. René Lechleiter gehört zum Vereinsvorstand. Nach seinen Plänen wurden die Wohnungen sanft renoviert. Er sagt, mit den Einnahmen aus den Vermietungen komme man eben knapp über die Runden. Die Darlehen, die aufgenommen werden mussten, um die Erbschaftssteuer zu bezahlen, hätten jedoch bislang nicht zurückbezahlt werden können.

(WoZ vom 15.03.2007 - Ressort WOZ-Reisen)

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