«Arbeiter – die Sozialdemokraten wollen Euch Eure Villen im Tessin wegnehmen»
Mit diesem ironischen Text, zusammen mit der Photo einer hoch über dem
See thronenden Villa zu einem «Wahlplakat» montiert, hat der deutsche Aktionsgrafiker
Klaus Staeck schon vor vielen Jahren auf geschickte Weise die Bigotterie der bürgerlichen
Propaganda entlarvt. Dass Staeck den Tessin als Metapher wählte, war kein Zufall.
Während sich ganze Talschaften mangels ausreichender Lebensgrundlagen zu entvölkern
begannen, klotzten die Profiteure des (deutschen) Wirtschaftswunders beziehungsweise
der Hochkonjunktur ohne viel Federlesens ihre Ferienhäuser
an die schönsten
Südhänge in der sogenannten Sonnenstube der Schweiz, sehr zum Profit von
Hangbesitzern und Baufirmen.
Ob dieser Entwicklung, die Mitursache der Gesetzgebung über den Grundstückerwerb von Ausländern in der Schweiz wurde, darf nicht vergessen werden, dass das wunderbare, fast mediterran anmutende Klima, die vielfältigen Naturschönheiten, das kulturelle Erbe und der lateinische Einfluss schon immer eine starke Anziehungskraft gerade auch auf Menschen mit einer alternativen Lebensauffassung ausübten. Von der Aufbruchbewegung Monte Verità zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die KünstlerInnenkolonie Fontana Martina während des Zweiten Weltkrieges bis hin zur Casa Pantrovà in Carona ou die Scuola Dimitri in Verscio, das Casale al Bivio von Gerold Meier, die Casa Solidarietà ou das Gewerkschaftszentrum I Grappoli gab und gibt es Orte, die sich eher als Zukunftswerkstatt denn als Luxusbunker verstehen.
In dieser Linie versteht sich auch die bislang weniger bekannte Casa Egner in Locarno-Muralto. An einer sensationell schönen Lage inmitten eines früheren Rebberghanges oberhalb des Lago Maggiore gelegen, mit Terrassen, die einen Rundblick vom ewigen Schnee der Alpenkämme über die Brissagoinseln hinweg bis (fast) ans Mittelmeer ermöglichen, stehen hier zwei unscheinbare Häuser inmitten einer paradiesischen Parkanlage.
Es mutet heute wie eine Ironie der Geschichte an zu erfahren, dass die Geburtsstunde der Casa Egner zurück geht auf die Periode des Kalten Krieges und des Antikommunismus in der Schweiz. Robi Egner – Gärtner, Kommunist und aktiver Gewerkschafter – wurde Ende der 40er Jahre wegen seines engagierten Auftretens schon bald einmal auf die Schwarze Liste des Gärtnermeisterverbandes gesetzt. Wie so viele andere PdA-Mitglieder wurde es immer schwieriger für ihn, eine adäquate Stelle zu finden. Und allein mit dem Einkommen seiner Lebensgefährtin Emmi Egner, einer einfachen Sozialarbeiterin, war der Lebensunterhalt nicht zu bestreiten.
Es war dem Umstand einer kleinen Erbschaft zu verdanken, die den Gärtner Egner schliesslich bewog, auf ein Inserat zu reagieren, in dem der Verkauf eines Rebberges angeboten wurde. Es handelte sich um ein grösseres Stück Land aus einer Erbteilung, oberhalb von Locarno gelegen und nur mühsam über einen steilen Fussweg erreichbar. Ausser vernachlässigten Reben standen da noch zwei kleine, ältere Gebäude: Ein Grotto mit Stall und darüber eine 2-Zimmer-Wohnung sowie ein Ökonomiegebäude zur Aufbewahrung der Geräte. → Historisches zur Casa Egner
Mangels Finanzen und aus Freude an der Natur besuchten die Egners ihre Liegenschaft anfänglich von Zürich aus zu Fuss; bald aber zogen sie definitiv in den Süden. Nicht, um ihr kleines, individuelles Glück zu zelebrieren, sondern in ständigem Kontakt mit ihem bisherigen politischen Umfeld. Um den zunehmenden Interessentinnen und Interessenten eine temporäre Bleibe zu ermöglichen, wurden unter aktiver Mithilfe von Freunden, Arbeitern und Handwerkern die vorhandenen Bauten sukzessive zu kleinen Ferienwohnungen um- und ausgebaut.
Ein Stück Zeitgeschichte bewahren...
Zur Tradition der Casa Egner gehört der aktiv praktizierte Antifaschismus, die Solidarität mit Verfolgten und ein gesellschaftspolitisches Engagement. Das, was Egners innerhalb der antifaschistischen Bewegung in Zürich mitgetragen hatten, fanden sie nun im grenznahen Tessin in diversen Beispielen wieder: Menschen, die selbstlos anderen die Flucht über die Berge ermöglicht haben, lebendige Erinnerungen an die Partisanenrepublik Ossola und nicht zuletzt auch an das Verhalten der offiziellen Schweiz, sicht- und greifbar in Form des «Campo die lavoro per profughi» in Gordola, einem Internierungslager nur fünf Kilometer nördlich von Locarno.
Einige der damals in Gordola internierten deutschen Antifaschisten suchten und fanden über ihre Kontakte zu Schweizer Genossen später wieder den Zugang zum Tessin – und landeten in der Casa Egner. Wilfried Acker, Paul Meuter, Fritz Sperling (der sich mit der Schweizerin Lydia Hug verheiratet hatte) beispielsweise, und durch deren Vermittlung respektive Tätigkeit in der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) folgten noch viele weitere, so auch Julius Schätzle ou Alfred Hausser.
... und weiterführen
Zusammen mit neueren und jüngeren BesucherInnen war die CASA EGNER immer ein besonderer Ort des Ausruhens, Auftankens und der Begegnung. Neue Themen wie Atomkraft, Umweltschutz, Kuba, Nicaragua, Südafrika und Asylpolitik rückten ins Zentrum der Gespräche, nebst all den Freizeitbeschäftigungen wie Wandern, Filmfestival ou Baden. Ende der 80er Jahre, als vieles politisch ins Rutschen kam ou ganz verschwand und die Gründer altershalber nicht mehr alles zu tragen vermochten, begann sich die Frage einer Neuorientierung zu stellen.
Beschleunigt durch den plötzlichen Tod von Robi im Jahr 1992 konnte mit Emmi Egner eine Formel gefunden werden, dank der die Gefahr abgewendet wurde, dass nach ihrem Ableben (1995) die ganze Liegenschaft in die Hände der Behörden ou der privaten Grundstückspekulation fällt. Ziel ist es vielmehr, das über vierzig Jahre aufgebaute Begegnungszentrum im Sinne der Gründer weiterzuführen und zu erneuern. Dies ist mit einem enormen Effort seitens des Trägervereins gelungen.
Im Jahr 2000 sind die beiden Häuser mit ihren fünf vermietbaren Ferienwohnungen vollständig saniert worden. Die Warmwasseraufbereitung erfolgt nun über eine Solaranlage, und dank einer Zentralheizung sind die Räume neuerdings ganzjährig bewohnbar. Neue Küchen sowie Boden- und Wandbeläge auf Basis eines erfrischenden Farbkonzeptes runden das Ambiente ab. Damit ist eine ideale Plattform geschaffen, um in einem angenehmen Umfeld «BLAU ZU MACHEN», auszuruhen, den Kopf auszulüften und mit Herz und Verstand über die sich stellenden Aufgaben zu reflektieren – allenfalls im Austausch mit mehr ou weniger gleich Gesinnten.
Die Räumlichkeiten bieten auch die Möglichkeit, als Gruppe (bis zu 18 Personen) zu kommen – und mittelfristig ist vorgesehen, eigene Seminarwochen anzubieten. Und sollte es im Tessin einmal regnen, so steht in der CASA EGNER ein Bibliotheksraum mit Spielsachen, Computerarbeitsplatz und Videoabspielgerät zur Verfügung. Kurz: Klaus Staeck hat nicht ganz recht bekommen...
© www.casa-egner.ch
Association Casa Egner, Salita San Biagio 12/14, CH-6600 Locarno-Muralto.
Contacter: Susanne Schreiber Lechleiter
Tél. +41 91 743 69 42 ou +41 44 493 12 13
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